„Kinderseelen“

5 Jahre „Kinderseelen“: Warum auf meinen Fotos niemand lächeln musste

„Lach doch mal!“ – kaum ein Satz fällt häufiger, wenn Erwachsene eine Kamera auf Kinder richten. Es soll ein Bild entstehen, das zeigt, wie „schön“ die Situation doch war, auch wenn das Kind in Wahrheit vielleicht gerade traurig, wütend oder angespannt ist. Vor genau fünf Jahren wollte ich mit diesem Klischee brechen. Dank einer Förderung der Kulturstiftung Hessen konnte ich mein Herzensprojekt „Kinderseelen“ umsetzen. Heute möchte ich auf diesen besonderen Prozess zurückblicken.

Die Idee: Echte Gefühle statt Filter-Perfektion

Wir leben in einer Zeit, in der fast jeder ein Smartphone in der Tasche hat und Bilder oft nur noch dazu dienen, mit Filtern geschönt Likes in den sozialen Netzwerken zu sammeln. Mit „Kinderseelen“ wollte ich den Blick wieder auf die Realität lenken. Kinder sind keine kleinen Menschen, die ununterbrochen fröhlich durch die Welt tollen. Gerade damals, mitten in der Corona-Krise, lasteten geschlossene Kindergärten und fehlende Kontakte schwer auf den Kinderseelen. Mein Ziel war es, Portraits zu erschaffen, die nicht den üblichen Sehgewohnheiten entsprechen, sondern das wahre Innerste der Kinder zeigen.

Der besondere Ablauf des Projekts

Für das Projekt lud ich zwölf Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren in mein Frankfurter Atelier ein. Um echte Ergebnisse zu erzielen, gab es klare Regeln:

  • Kein Druck von außen: Die Eltern kamen zwar mit, blieben während des eigentlichen Shootings aber draußen. Die Kinder sollten sich völlig frei und ohne elterliche Erwartungshaltung vor der Kamera bewegen können.

  • Fokus auf das Gesicht: Um nicht von der Mimik abzulenken, wurden die Kinder in dunkler Kleidung fotografiert.

  • Die Kinder als Kuratoren: Der wichtigste Baustein des Projekts war die Bildauswahl. Weder ich als Fotograf noch die Eltern hatten ein Mitspracherecht. Die Kinder wählten ganz allein das Foto aus, das ihre Stimmung und Persönlichkeit am besten repräsentierte.

Was bleibt nach fünf Jahren?

Rückblickend sind diese Portraits weit mehr als nur Fotos – sie sind ein Stück Zeitgeschichte.

Sie zeigen den Erwachsenen, dass kindliche Emotionen wie Trauer oder Verzweiflung ihre absolute Berechtigung haben und ernst genommen werden müssen. Den Kindern selbst haben sie Mut gemacht, zu ihren wahren Gefühlen zu stehen.

Das Projekt hat mir und hoffentlich auch den Betrachtern wieder ins Bewusstsein gerufen: Wahre Schönheit liegt in der ungeschönten Realität.

Ein Werk ist eben nicht dann perfekt, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann.


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